Klimawandel dargestellt mit einem Thermometer, das auf ausgedörrtem Boden liegt.

Klimawandel | Hitze hier – Armut dort (Update 2026)

À propos Klimawandel: Selbst wenn wir heute, in diesem Moment, kein einziges Treibhausgas mehr in die Atmosphäre entließen – es würde Jahrzehnte dauern, bis sich das Klimasystem wieder beruhigt. Das war schon 2019 so, als dieser Text zum ersten Mal erschien. Nur dass die Uhr seither nicht stehengeblieben ist. Sie ist schneller gelaufen, als selbst Pessimisten erwartet hatten.

An einem heißen Julitag des Jahres 1988 erklärte ein Mann der Welt den Klimawandel. Man sprach damals noch nicht von Fluchtursachen, zu denen der Klimawandel längst geworden ist. James E. Hansen, Direktor des Goddard Institute for Space Studies der NASA und Professor an der Columbia University, saß vor dem US-Kongress und sagte im Grunde alles, was man wissen musste. Mit einem Schlag wurde er weltbekannt und blieb bis heute einflussreich. Das war vor fast vierzig Jahren. Die Physik, die er beschrieb, hat sich seither nicht geändert. Nur die Zahlen sind eingetroffen – und schlimmer, als die Modelle es 1988 nahelegten.

Unser Klima der vergangenen Jahre: Die Grafik zeigt erwaermung_1988-2025
Menschengemacht: Der Klimawandel

Ein Jahrzehnt zu früh

2026 lässt sich mit einem einzigen Datenpunkt zusammenfassen, den der europäische Klimadienst Copernicus im Januar veröffentlichte: Die drei Jahre 2023 bis 2025 lagen im Schnitt erstmals über 1,5 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau. Das war die rote Linie von Paris, 2015 als langfristiges Ziel vereinbart, mit einem Sicherheitsabstand von Jahrzehnten gedacht. 2025 selbst war „nur“ das drittwärmste Jahr der Messgeschichte – nach 2024 und 2023, deutlich vor allem, was vorher kam.

Copernicus-Direktor Carlo Buontempo formulierte es so nüchtern wie deprimierend: Man nähere sich der Grenze rasant, und man werde sie „zwangsläufig überschreiten“. Die EU-Kommission rechnet inzwischen offen damit, dass die 1,5-Grad-Marke noch in diesem Jahrzehnt fällt – mehr als zehn Jahre früher, als man 2015 in Paris für möglich hielt.

Das Muster von Hansens Rede wiederholt sich: Wissenschaftler warnen, Zahlen bestätigen die Warnung, und trotzdem bleibt zwischen Erkenntnis und Handeln eine Lücke, die sich eher vergrößert als schließt.

Ein zweigeteiltes Bild zum Thema "Klimawandel | Hitze hier – Armut dort". Tiefe Sonne, dürre Felder und eine Frau.
Klimawandel | Hitze hier – Armut dort (Illustration KI generiert)

Deutschland, durchgeschwitzt – wieder

Wer diesen Artikel 2019 gelesen hat, erinnert sich vielleicht an die knapp vierzig Grad, über die ich damals stöhnte. Der Sommer 2026 hat das gnadenlos überboten: Im Juni wurde in Deutschland mit 41,8 Grad ein neuer Allzeit-Hitzerekord aufgestellt. Bayern meldete für den Monat zwölf bis fünfzehn Hitzetage. Gleichzeitig blieb der Regen aus – bis Anfang August hatte der Sommer sein Niederschlagssoll nur zu knapp 45 Prozent erfüllt, deutlich weniger als selbst in den notorisch trockenen Jahren 1911 und 2018. Die Folge: Ernteausfälle bei Weizen, Gerste und vor allem Mais, dessen Bestäubung unter der Hitze leidet, dazu Waldbrandgefahr und ein Dürremonitor, der große Teile Süd- und Ostdeutschlands als „außergewöhnlich trocken“ einstuft.

Das Interessante daran ist nicht die einzelne Zahl, sondern das Muster dahinter: Hitzewelle, kurze Abkühlung, nächste Hitzewelle – ohne die mehrtägigen Regenfälle, die solche Wetterlagen früher fast automatisch beendeten. Was früher Ausreißer war, wird zur Struktur.

Und trotzdem: Wer 39 oder 41 Grad in Frankfurt oder Köln als Zumutung empfindet, hat noch immer eine Klimaanlage, einen Pool in erreichbarer Nähe oder wenigstens eine kühle Dusche zur Verfügung. Das bringt uns zu dem Teil dieses Textes, der sich 2019 kaum, 2026 aber überhaupt nicht mehr relativieren lässt.

Hitze hier – Armut dort: Die Grafik zeigt die Auswirkungen des Klimawandels.

Wo Hitze zu Hunger wird

Die Weltorganisation für Meteorologie zählte für Afrika im Jahr 2025 mindestens 13 Millionen Menschen, die von klimabedingten Katastrophen betroffen waren, und mehr als 3.000 Tote. Überflutungen – nicht Dürren – waren die häufigste Ursache: Eine Sturzflut in Nigeria im Mai kostete über 200 Menschenleben, im Kongo starben im April mehr als 160 Menschen bei ähnlichen Ereignissen. Gleichzeitig hat die anhaltende Dürre in Ostafrika mehr als 8,5 Millionen Menschen erfasst. Beides zugleich, Flut und Dürre, ist keine Widersprüchlichkeit, sondern die neue Normalität eines Klimasystems, das aus dem Takt geraten ist.

Besonders bitter ist ein Bericht von Oxfam vom März 2025: In acht ostafrikanischen und südafrikanischen Ländern – darunter Kenia – ist die Zahl der Menschen in extremem Hunger innerhalb von fünf Jahren um 80 Prozent gestiegen, von knapp 31 Millionen im Jahr 2019 auf über 55 Millionen im Jahr 2024. Zwei von zehn Menschen in diesen Ländern haben schlicht nicht genug zu essen. 116 Millionen Menschen in derselben Region – 40 Prozent der dortigen Bevölkerung – leben ohne sicheren Zugang zu Trinkwasser. Neun von zehn Kleinbauern und -bäuerinnen sind fast vollständig auf Regen angewiesen, für sich selbst wie für ihre Felder.

Bleibt der Regen aus, bleibt alles aus.

Zur Einordnung, weil sich Zahlen oft besser einprägen im Vergleich: Weltweit hat sich die durchschnittliche Dauer von Dürren seit dem Jahr 2000 um 29 Prozent verlängert. Sturzfluten sind zwischen 2000 und 2022 zwanzigmal häufiger geworden. Nur etwa 40 Prozent der afrikanischen Länder verfügen bislang über Frühwarnsysteme, die Leben retten könnten.

Die Ungleichheit bleibt die gleiche

Was sich seit 2019 nicht verändert hat, ist die Grundschieflage: Die Industriestaaten haben den Klimawandel überwiegend verursacht, die Länder, die am wenigsten dazu beigetragen haben, tragen die größte Last. Kenia, Äthiopien, der Sudan, Malawi, Mosambik, Simbabwe – überall dort entscheidet der Regen noch immer über Ernte, Trinkwasser und letztlich über Leben und Tod, ohne das Polster, das sich Europa oder Nordamerika leisten können.

Und die Konsequenz von damals gilt weiterhin, nur mit größerer Dringlichkeit: Menschen, denen zuhause die Lebensgrundlage entzogen wird, suchen anderswo eine. Der jüngste Weltbericht zu Binnenvertreibung zählte für Ende 2025 rund 13,6 Millionen Menschen, die wetter- und katastrophenbedingt innerhalb ihres eigenen Landes vertrieben worden waren – 37 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Die Weltbank rechnet in ihren Langfristszenarien mit bis zu 216 Millionen internen Klimamigrantinnen und -migranten bis 2050, allein bis zu 86 Millionen davon in Subsahara-Afrika.

Solche Fernprognosen sind naturgemäß unsicher – das räumen selbst die Autoren ein –, aber die Richtung, in die sie zeigen, ist es nicht. Daneben steht die separate, nüchterne Zahl von 117,8 Millionen Menschen, die laut UNHCR Ende 2025 wegen Gewalt und Konflikt auf der Flucht waren. Beide Zahlen sind nicht deckungsgleich, aber sie berühren sich zunehmend: Wo Wasser fehlt, wachsen auch die Konflikte um das, was übrig bleibt – von Darfur bis zu den Hirten-Bauern-Konflikten in der Sahelzone, die Amnesty International inzwischen ausdrücklich der Klimakrise zuschreibt.

Was bleibt

Sieben Jahre nach dem ersten Text ist wenig übrig von der Hoffnung, das Problem ließe sich noch mit Fingerspitzengefühl lösen. Die 1,5-Grad-Grenze, einst als äußerste Belastungsgrenze gedacht, wird nach heutigem Stand in diesem Jahrzehnt gerissen – nicht 2050, nicht „irgendwann“, sondern jetzt. Für uns bedeutet das mehr Hitzetage, trockenere Sommer, teurere Lebensmittel. Für Millionen Menschen in Kenia, im Sudan, in Äthiopien oder Mosambik bedeutet es etwas anderes: den Unterschied zwischen einer Mahlzeit und keiner, zwischen Bleiben und Gehen.

Die Hitze war 2019 nicht das eigentliche Problem. Es war die Ignoranz.

Das schrieb ich 2019. Es gilt, mit schärferen Zahlen unterlegt, unverändert.


Kurze Anmerkung zur Überarbeitung

Ich habe den Text strukturell beim 2019er-Original belassen, aber die tragenden Fakten und Zitate durch aktuelle Daten ersetzt (Copernicus/EU-Klimadienst, WMO-Afrikabericht 2025, Oxfam-Bericht März 2025, IDMC Global Report on Internal Displacement 2026, UNHCR Global Trends, World-Bank-Groundswell-Langfristszenarien).

Das Baerbock-Zitat von 2019 sowie den Verweis auf die Bern-Studie habe ich herausgenommen, weil sie zeitgebunden bzw. durch neuere, belastbarere Quellen ersetzbar waren.

Die 216-Millionen-Langfristprognose der Weltbank ist, wie im Text angedeutet, mit Vorsicht zu lesen; das wird in der Forschung selbst so eingeordnet. 

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