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Ostern | Für die Wiederauferstehung der Tat

Ostern 2016 © Tom Rübenach

TSBN | 25. März 2016 Tausende von Toten, unzählige Schicksale traumatisierter Menschen, Millionen von Flüchtlingen. Und jetzt Ostern feiern? Auch die Kirchen sind gefordert, Antworten zu geben. Nicht nur verbal. Es geht um eine Wiederauferstehung der Tat.

Leises, demütiges, würdevolles und vor allem aktives Auftreten: Das ist von den beiden großen Kirchen zu erwarten, nicht nur in Deutschland. Keine theologischen Seminare, die kaum einer versteht. Kein Stolpern bei dem für die meisten ohnehin kaum nachvollziehbaren Ökumenedebatten. Keine Reduktion auf das Glockengeläut; es löst keine Probleme und wirkt hegemonial. Predigten sind recht selten dazu angetan, konkrete Hilfe zu leisten. Nur die Tat macht der Kirche Beine, und nur so dürfte es ihr gelingen – wenn überhaupt – wieder eine glaubwürdige Rolle zu spielen. Ansätze dafür gibt es.

Der Papst alleine schafft es nicht

Schon wieder hat Franziskus Maßstäbe gesetzt, an denen sich jeder seiner Nachfolger wird messen lassen. Es ist nicht nur die Sprache des Pontifex, die so sehr beeindruckt. Etwa, als er von der „Globalisierung der Gleichgültigkeit“ angesichts des Grauens in und vor allem vor Lampedusa sprach. Das ist schon einige Zeit her. Es sind seine Taten. In der Nacht zum Karfreitag hat er die rituelle Fußwaschung an Kopten und Muslimen vollzogen.  “Wir alle sind hier versammelt: Muslime, Hindus, Katholiken, Kopten, evangelische Christen. Wir sind alle Geschwister, Kinder desselben Gottes,“ sagte er. Hier, das hieß in einer Flüchtlingsunterkunft in Rom. Nicht nur hat er kniend die Füße anderer gewaschen – Anlehnung an eine Handlung Jesus’ beim letzten Abendmahl.

Auch hatte Franziskus vor einiger Zeit alle Gemeinden weltweit dazu aufgerufen, Wohnraum für Flüchtlinge bereitzustellen, und zwar in den Pfarrhäusern rund um den Globus. Die Gottes- und Pfarrhäuser zu öffnen wäre in der Tat ein konkreter Akt der Nächstenliebe und hülfe, mehr Glaubwürdigkeit aufzubauen. Uns sind keine Zahlen bekannt; der Papst indes hat Räumlichkeiten im Vatikan zur Verfügung gestellt. Wünschenswert wäre eine offene Informationspolitik der beiden Kirchen darüber, was geschieht.

Kirchen müssen nicht nur an Ostern über ihre Schatten springen

Es mag sein, dass längst Tausende Gemeinden und Priester dem Aufruf des Papstes gefolgt sind. Bekannt darüber ist wenig. Warum eigentlich? Gibt es nicht so viele? oder werden die guten Taten unter den Scheffel gestellt? Letzteres ist kaum vorstellbar. Dabei dürfte es gerade in alten Pfarrhäusern sehr viel Platz geben; sie wurden geräumig gebaut und auch ausgestattet. Die Praktikabilität sollte kein Thema sein. Jeder einzelne Flüchtling, jede Familie würde gewiss mit anpacken, helfen, unterstützen. Das kann als sicher gelten. Zudem wäre es eine Tat, die mehr zur Ökumene und zum Dialog unterschiedlicher Religionen beitrüge als jedes Symposion.

Unser tägliches Brot gib uns nicht nur an Ostern © Tom Rübenach

Unser tägliches Brot gib uns heute © Tom Rübenach

Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki ist ein Mann, der Franziskus nahe zu sein scheint. In einem Interview mit der Kölner „Kirchenzeitung“ kurz vor Ostern sprach er von der Notwendigkeit, Kirche zu ändern. Wenn er zunächst vom „geistlichen Weg zur pastoralen Neuorientierung“ spricht, mag sich mancher angesichts dieser verquast wirkenden Sprache gleich wieder abwenden. Doch weiterlesen lohnt sich. Woelki wünscht sich eine Kirche, die „Anwalt ist für die Armen und Schwachen, die Unrecht beim Namen nennt und dagegen ankämpft. Eine Kirche, die wieder verstärkt anziehend und lebensrelevant ist für die Menschen.“ Klingt gut. Wird es auch praktiziert? Und was bedeutet das konkret? Die Feiertage um dieses Wochenende herum haben herausragende Bedeutung für beide großen Kirchen. Es wäre klug, wenn sich die Predigten nicht erneut auf die Interpretation der Osternacht beschränkten. Denen, die zur Kirche gehen, dürfte die Bedeutung ohnehin klar sein.

Das Bonner Münster reagiert via Twitter

Das Bonner Münster reagiert via Twitter

Kirche allzu oft zwischen Tun und Erziehungszwang

Ostern und Auferstehung als Metaphern neuer Taten, das wäre überzeugend. Das Bonner Münster hat auf eine entsprechende Anfrage unsererseits reagiert: Sehr viele Quadratmeter stelle man zur Verfügung, ebenso „Personal, Begegnungscafés sowie Sprachkurse, Schulungen und Begleitung“. Das liest sich gut. Die sich anschließende Frage „Möchten Sie sich engagieren?“ lässt wieder einmal diese kirchentypische Pädagogisierung durchscheinen, sie eine selbstbewusste Kirche doch gar nicht nötig hätte.

Das praktische, eigene Tun ist doch christliche Nächstenliebe genug; warum dann immer wieder der zwanghaft wirkende Ansatz der Belehrung? Immerhin wurde in einer weiteren Reaktion eine hilfreiche Website nachgeliefert, diese hier: http://www.bonner-muenster.de/aktion-neue-nachbarn-bonn/. Weniger Erziehungsversuche, theologische Theorien und mehr Praxis: das wünschen sich sehr viele Christen von ihren Kirchen. So könnten sie (wieder) begeisterte Mitglieder sein – oder womöglich sogar wieder werden.

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