Flüchtlinge, Medien
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Armutsbekämpfung | Zwanzig Sekunden für das Elend

Mädchen mit Großmutter in Goma, DR © Tom Rübenach

TS|BN 17. August 2016 Wenn es um weltweite Armutsbekämpfung geht, ist das Allgäu ganz weit vorn mit von der Partie. Jedenfalls einer seiner bedeutendsten Söhne. Gerd Müller kommt daher und ist einer der CSU-Minister im soundsovielten Merkel-Kabinett. Dort ist er verantwortlich für die Entwicklungspolitik Deutschlands. Das ist wichtig zu erwähnen, denn wer kennt den Mann schon? 1955 geboren und seit 1994 direkt gewählter Abgeordneter für Kempten, Lindau und das Oberallgäu. Auf seiner privaten Homepage zeigt eine Terminauswahl die ganze Bandbreite seiner Arbeit. Während der Allgäuer Fest- und der Haushaltswoche in Berlin war für heute eine Kabinettssitzung terminiert.

ODA, BNE, BMZ: Wie bitte?

Geld zur Armutsbekämpfung | Quelle: Statista

Geld zur Armutsbekämpfung | Quelle: Statista

Bei dieser Kabinettssitzung dürfte es auch um jenes Geld gehen, das Müller für seine Arbeit braucht. Viel ist es nicht. Zwar wird jetzt ständig darauf hingewiesen, dass sein Ministerium, das BMZ, mehr Finanzen denn je zur Verfügung hätte; angesichts der Probleme weltweit ist das allerdings nicht mehr als der Tropfen auf einen glühenden Stein. Abgesehen davon, dass Deutschland seit Jahrzehnten seiner Verpflichtung hinterherhinkt, was die sogenannte ODA-Quote angeht. Dabei geht es um gerade mal 0,7 % des BNE eines reichen Landes, das für Entwicklungshilfe ausgegeben werden sollte. Basis bildet also das Brutto-National-Einkommen. Das BMZ selbst hat eine recht sachliche Beschreibung der ODA-Quote vorgenommen: diese Details kennt kaum jemand. Dabei sind sie ausgesprochen elementar – gerade wenn es um die Bekämpfung der Fluchtursachen geht.

Weit entfernt von „Alles Müller”

Gerd Müller wird als guter Typ beschrieben. Er sei authentisch und sorge sich tatsächlich um die Lebensbedingungen der Leute in Afrika und Asien. Man will es gern glauben. Die offizielle Seite des BMZ platzt vor lauter Informationen aus allen Nähten. Darunter leidet die private Homepage des Ministers indes ein wenig. Noch immer steht dort über die Millenniumsentwicklungsziele der Vereinten Nationen zu lesen: „Sie enthalten den ehrgeizigen Fahrplan, bis 2015 die Armut in der Welt um die Hälfte zu reduzieren.“ Bilanz wurde bereits gezogen. Das war also im vergangenen Jahr.

Sei’s drum, seine Glaubwürdigkeit leidet darunter nicht. Der Entwicklungsminister will einen Marshallplan mit Afrika. Man nimmt es ihm ab, dass er nicht erst seit den Massen an Flüchtlingen darüber nachdenkt, wie dem Kontinent geholfen werden kann. Wer seine Reden im Bundestag anhört und vergisst, welcher Partei er angehört, könnte ihn fraglos ebenso gut bei den Grünen verorten. Obschon er einen Etat von über sieben Milliarden verantwortet ist seine öffentliche Wirkung nicht sehr groß. Das ist nicht nur schade für Müller, sondern vor allem für das Thema. Es gibt zudem viele Fragen. Wie wichtig ist ein eigenständiges Entwicklungsministerium tatsächlich? Gehört das BMZ nicht eigentlich ins Außenministerium? Warum packt man es nicht ins Bundeskanzleramt, wenn es angeblich eine so wichtige Rolle spielt? Es ist noch lange nicht alles Müller.

Autopanne wichtiger als Armutsbekämpfung

Frauen sind nicht die Armutsursache in Afrika © Tom Rübenach

Die Frauen sind die Stärksten – auch im Tschad © Tom Rübenach

Die Medien spielen eine schlechte Rolle in diesem Flucht-Ursachen-Suchen-Kontext. Beim kürzlichen Besuch Müllers im Senegal, dem Niger und Ruanda begleitete ein ZDF-Kollege die Delegation aus Deutschland. In wenigen, einfach gestrickten Berichten wurde über Fluchtursachen wenig berichtet. Im Plauderton erzählt der Mann von einer Autopanne und dass sie auf ihrem Weg steckenblieben. Über eine halbe Minute von ohnehin nur knapp zweieinhalb nimmt diese Beschreibung ein. Der Kollege scheint kein Experte in Fragen Armutsbekämpfung zu sein. Wo sonst schon in der Anmoderation moderne Grafiken bemüht werden: hier gibt’s kurz und knapp die Anmod und dann ab die MAZ! In heute-express nimmt man sich des Themas Schleuser zum x-ten Mal an; hier dauert das Thema nur etwas mehr als zwanzig Sekunden. Wäre Müller nicht dort gewesen: nicht einmal die paar Berichte im ZDF hätte es jetzt gegeben.

Dabei sind die Journalisten nicht alleine verantwortlich. Es gibt großartige Korrespondenten in Afrika. Sie beschreiben eindringlich die Lebenswelten der Menschen dort. Sie beamen sie auf unsere Bildschirme und in unsere Radios. Nicht nur, wer schon dort gewesen ist, kann die Hitze spüren und den Regen riechen, wenn sie erzählen und berichten. Man möchte manchen von ihnen jede Woche einen Grimme-Preis gönnen. Aber was sollen sie tun, wenn sie Dutzende von Ländern zu berücksichtigen haben?

Armutsbekämpfung aus Nairobi

Warten auf die Überfahrt: Monsunzeit in Zentralafrika © Tom Rübenach

Warten auf die Überfahrt: Monsunzeit in Zentralafrika © Tom Rübenach

„Das Studio Nairobi berichtet für die ARD aus fast 40 afrikanischen Ländern südlich der Sahara – von Mauretanien bis Madagaskar, von Äthiopien bis zur Demokratischen Republik Kongo.“ Das ist Originaltext ARD: Was sich wie ein Wir-sind-ganz-toll-Selbstverständnis lesen soll, ist in Wahrheit ein Desaster. Man stelle sich das einmal auf Europa bezogen vor. Da säße dann ein kleines Team von Korrespondenten in Paris und berichtete aus Frankreich, Holland, Großbritannien, Polen, Ungarn, Österreich und Spanien – gleichzeitig.

Wenn nicht viel mehr als gut zwei Minuten zum Thema „Fluchtursachen“ Zeit übrig sind, muss sich niemand wundern. Wer nicht hinreichend vermittelt wird, was ohne schwer zu begreifen ist, leistet den rechten Radikalen Vorschub. Denn dann haben sie es noch einfacher als jetzt schon. Besser als das ZDF übrigens hat das BMZ selbst die Reise gecovert. Seit gestern ist ein BMZ-eigenes Video online. Erstaunlich, aber wahr: Müller erklärt am besten, warum es geht. Und zwar hier.

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