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Rupert Neudeck | Flüchtling im Ausnahmezustand

Ruper Neudeck zum Gedenken © Tom Rübenach

TS|BN 1. Juni 2016 Viele konkrete Erinnerungen an meine Begegnungen mit Rupert Neudeck habe ich nicht mehr. Es sind eher Eindrücke, die geblieben sind. Es war nach dem Genozid in Ruanda im Frühjahr 1994, das weiß ich noch genau. Solch ein Grauen, auch aus der Ferne betrachtet, vergisst man nicht. Es gab 1.074.017 Tote, die Hälfte von ihnen waren Kinder.

Lebenslang ein Täter

Damals hatten wir miteinander zu tun. Es ging alles sehr unkompliziert. Für mich war er ein außergewöhnlich beeindruckender und gleichzeitig sehr einfacher Typ. Für ihn waren das Radio und ich sicher eine gute Unterstützung. Sein Tun war allerdings um einiges größer und bedeutender als das, was wir dazu beisteuern konnten. Immerhin konnten wir ihm damals helfen; für Ruanda.

Kigali, die Hauptstadt Ruandas © Tom Rübenach

Kigali, die Hauptstadt Ruandas © Tom Rübenach

Das Lokalradio, für das ich damals arbeitete, trommelte einen sechsstelligen Betrag zusammen. Seine Organisation „Cap Anamur“ war eine glaubwürdige Adresse für die Spender. Die Leute in Bonn und dem Rhein-Sieg-Kreis kannten den Mann aus Troisdorf. Was noch wichtiger war als das: sie vertrauten ihm. Manche, daran erinnere ich mich noch genau, haben ein oder zwei Mark gespendet. Mehr war nicht drin für sie. Aber sie taten es. Das Geldinstitut, das das Konto zur Verfügung stellte, erhob keinerlei Gebühren. Ein anderes wollte ebenfalls ein Konto zur Verfügung stellen, um dabei zu sein. Alle trauten und vertrauten ihm. Neudeck wiederum machte nicht viel Aufhebens um die Summe. Er bedankte sich, natürlich. Er freute sich darüber. Damit könne er jetzt arbeiten. So ähnlich äußerte er sich mir gegenüber. Das war’s eigentlich. Weder uns und schon gar nicht sich selbst feierte er dafür. Für ihn, der immer auch ein Täter war, gehörte es sich eben, etwas zu tun.

Gewiss, wir waren Kollegen, sogar Radiokollegen. Aber er war nicht nur achtzehn Jahre älter als ich, er arbeitete auch beim Deutschlandfunk. Ziemlich lange sogar. Features hat er gemacht und sowas; längere Beiträge also. Das verbale Rumgeballere war so gar nicht sein Ding. Laute Überschriften, kurze Sätze, kein Beitrag über zwei Minuten: davon hielt er nichts. In jenem Bereich habe ich indes damals gearbeitet. Überwiegend für private Stationen: Radio Luxemburg, HUNDERT,6 in Berlin und Radio Bonn/Rhein-Sieg in meiner Geburtsstadt Bonn. Die ganze Welt war schockiert, entsetzt. Neudeck natürlich ebenso. Was da in Ruanda passiert war, war grauenhaft. Aber er handelte eben.

Neudeck und seine "Cap Anamur" 1982

Die “Cap Anamur” 1982 © Der Spiegel

Neudeck kannte keine Schockstarre

Die meisten Menschen denken oder sagen bei solchen Katastrophen Sätze wie „Das ist ja schrecklich.“ oder seufzen, ganz ehrlich gemeint und auch mitfühlend: „Wie furchtbar.“ Neudeck sicher auch, aber er kannte keine Schockstarre. Als er, wie er erzählte, die Menschen auf den Booten im südchinesischen Meer sah, hab er einfach nicht sitzenbleiben können. Auch die Geschichte von der „Cap Anamur“ ist ein Bekenntnis gegen die Schockstarre gewesen. In den späten 1970er Jahren retteten er und seine Leute Tausende vor dem sicheren Tod. Das war nach dem Ende des Vietnamkrieges, und man nannte die Flüchtlinge damals „boat people“. Gegen Ende dieser größten Seenot-Rettungsaktion weigerten sich Bundes- und Landesregierungen, die letzten Vietnamesen aufzunehmen (außer Niedersachen). Neudeck hatte das vorausgesehen: “Ich wette, daß wir dieselben Schwierigkeiten mit den Ämtern bekommen, wie wir sie von Anfang an kennen.“ sagte er damals dem „Spiegel“.

Flüchtling aus dem Osten

Der hagere Mann mit dem weißen Bart war selbst einmal Flüchtling. Aus Danzig musste er fliehen, im Januar 1945. Mit der „Cap Anamur“ setzte er Maßstäbe. Dieser Mann im permanenten Ausnahmezustand, der sich doch gerade für die abrackerte, deren Welt so „normal“ wie die unsere sein soll. Seit 2003 gibt es die „Grünhelme“. Rupert Neudeck wollte, dass Christen und Muslime gemeinsam Hand anlegen für Benachteiligte. Die „Grünhelme“ tun das. Man erreicht den gemeinnützigen Verein hier.  Ja, man muss spenden, wenn man schon selbst kaum etwas tut. Jedenfalls dann, wenn man der Auffassung ist, dass wir hier im Schlaraffenland leben im Vergleich zu fast allen anderen Teilen der Erde. Und auch dann, wenn man das Leben und das Wirken von Rupert Neudeck ehren will.

Mögen Gassen oder ganze Straßenzüge nach ihm benannt werden oder Plätze und Häuser; es sei ihm und seiner Familie gegönnt. Wer es aber ernst meint mit der Verehrung für diesen Ausnahmechristen, der möge ihm nacheifern. Seine Gebete bestanden in Taten, nicht in Reden.

Meine Verneigung für Rupert Neudeck ist tief.

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