Ein Junge aus einem Flüchtlingslager verschränkt seine Arbe auf dem Kopf. Das Bild ist in grün gehalten. Foto © Tom Rübenach

Friedensnobelpreis | Kleiner wäre größer gewesen

Der Friedensnobelpreis geht in diesem Jahr an das Welternährungs-Programm der Vereinten Nationen, das WFP (Word Food Program). Auf den ersten Blick ist das eine gute Entscheidung. Es gibt kaum eine Aufgabe der internationalen Politik, die wichtiger sein könnte: Menschen etwas zu essen geben ist aller Ehren Wert. Und doch hätte das Nobelpreis-Komitee kreativer entscheiden können – und damit kleiner und größer zugleich.

Das WFP leitet enorm wichtige Dienste. Seit Jahrzehnten hat dieses UNO-Programm Millionen von Menschen geholfen. Es organisiert Nahrungsmittel-Hilfe in Krisen und auch in Kriegen. Ich habe mich bei vielen Reisen davon überzeugen können, dass es professionell arbeitet und eine Schlüsselrolle spielt, wenn es um Nahrung geht – weltweit.

Die Friedensnobelpreis-Träger bei der Arbeit

Im kenianischen Flüchtlingslager Dadaab beispielsweise – einem der größten Lager der Welt – wäre eine geregelte Nahrungsverteilung ohne das WFP kaum denkbar. Zehntausende von Flüchtlingen, die vor allem aus Somalia dorthin kommen, müssen keine Angst haben, wenn es um das „tägliche Brot“ geht. Auch am Beginn der verharmlosend Syrien-Krise genannten Katastrophe konnte ich miterleben, wie das Lager Za’atari aufgebaut wurde.

Die teils riesigen Zelte mit Nahrung für Tausende von Flüchtlingen waren auch dort durch das WFP aufgebaut worden, die Logistik eingerichtet, und den Menschen wurde geholfen. Sozusagen vom ersten Tag an. Kaum denkbar, dass nationale Organisationen oder internationale NGOs das alleine zustande gebracht hätten. Und ja, dafür kann man schon mal einen renommierten Preis verliehen. Aber muss es der Friedensnobelpreis sein?

Kleiner wäre größer gewesen

In den vergangenen Jahren wurde der Friedensnobelpreis auch an kontroverse Empfänger verliehen. Barack Obama ist so ein Beispiel. Kaum im Amt, ließen sich die Leute in Stockholm hinreißen. Begeistert vom Charisma des neuen US-Präsidenten dachten sie sicherlich auch an ihr eigenes Renommee. Während seiner Amtszeit allerdings verhielt sich der innenpolitisch sehr starke, junge Präsident bei der Wahl der Waffen – international – nicht gerade zimperlich.

Dass auch etwas Glanz auf es selbst abfallen möge, das hatte das Nobelpreis-Komitee womöglich mit im Sinn, als es nun dem WFP den Friedensnobelpreis zuerkannte. Dabei wäre kleiner dieses Mal deutlich größer gewesen. Denn weltweit arbeiten zahllose Hilfsorganisationen, Gruppen und Initiativen vor Ort daran, den Menschen zu helfen – auch bei Fragen der Nahrungsgewinnung, der Organisation von Essen und Trinken sowie von deren Verteilung. Die meisten von ihnen kennen nicht einmal die Ort tätigen internationalen NGOs mit Namen.


Frau aus Addis Abeba (Äthiopien), die Hungernden mit einfachsten Mitteln hilft, indem sie etwas kocht. Auch sie erhält den Friedensnobelpreis nicht. | Foto © Tom Rübenach

Eine unbekannte,
starke Heldin
aus Addis Abeba.

Foto © Tom Rübenach


Kleine NGOs mit großer Wirkung

Vor mehreren Jahren bin ich in Äthiopien einer Gruppe von fünf, sechs Frauen begegnet. Sie hatten keine große (internationale) NGO im Rücken. Und sie erhielten keine besondere Unterstützung von lokalen oder regionalen Organisationen. Doch was sie taten, war beeindruckend: Sie buken einfaches Brot, organisierten hier ein paar Erbsen und dort ein paar Möhren. Daraus „bauten“ sie Essen zusammen, dass sie an die Ärmsten der Armen verteilten.

Es gibt Phasen in der sogenannten „Dritten Welt“, da hungern Menschen. Das war damals in Äthiopien auch so, 2008. Das wird weithin kaum wahrgenommen in den reichen Ländern. In den Medien, in denen eher über Mehrwertsteuer, abgasfreie Autos oder die Notwendigkeit der Digitalisierung kommuniziert wird, haben solche Beiträge extrem selten Platz.

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Das gilt sogar für Zeiten von Hungersnöten. Da sind jene Zeiten, in denen bekommen die Kinder morgens und abends etwas, damit sie überleben. Die Eltern lassen mindestens eine Mahlzeit pro Tag aus, manchmal sogar einen ganzen Tag. Die Leute nennen das dann “Essen in Schichten“. In einer solchen Lücke boten die Damen aus Addis Abeba Familien wenigstens dünnes Fladenbrot und etwas Gemüse zum Überleben an.

Friedensnobelpreis an die „Ayiera-Initiative“ und viele andere

Wie kreativ wäre es gewesen, das Komitee für den Friedensnobelpreis hätte sich vor der Entscheidung solche Initiativen angeschaut. Oder auch die „Ayiera-Initiative“ in Korogocho. Das ist der zweitgrößte Slum in Kenias Hauptstadt Nairobi. Selbst die New York Times hat eindringlich über die Herausforderungen geschrieben, die die Pandemie für Slums bedeutet, wenn es um Nahrung und Hunger geht.

Dort haben die Leute mit Beginn der Corona-Pandemie „mehr Angst vor Hunger als vor dem Virus“ gezeigt. Daran hat sich bis heute kaum etwas geändert. Denn mit dem Virus kam auch dort der Shutdown; nur, dass damit fast jeder seine Arbeit verlor und somit nicht einmal ein wenig Nahrung gekauft werden konnte. Von so etwas wie “Kurzarbeitergeld” oder “Hartz IV” träumt dort nicht einmal jemand. Das liegt in der Wirklichkeit des Slums außerhalb jeder Vorstellung.


Kinder im Ayiera-Center im Slum Korogocho erhalten Mittagessen. Sie haben Plastikschüsseln mit Reis und ein paar Erbsen. | Foto © Tom Rübenach

Gegen den Hunger:
Die Ayiera-Initiative

Foto © Tom Rübenach


Die „Ayiera-Initiative“ indes hat es sich zur Maxime gemacht, Kindern und Jugendlichen den Schulbesuch zu ermöglichen. Jede/r, der oder die zur Schule gegangen war, bekam mittags eine einfache warme Mahlzeit, sozusagen zur „Belohnung“. Reis und Erbsen beispielsweise. Eine warme Mahlzeit an den Schultagen. Die Essenausgabe fand immer im Zentrum der Initiative statt. Das aber musste aber wegen des Lockdowns schließen. Die Verzahnung ist nur diabolisch zu nennen: Corona – Schulschließung – Hunger.

Ich hätte gern eine andere Meldung gehört als die mit dem Friedensnobelpreis und dem WFP. Sie hätte zudem mehr genutzt, geholfen und – nicht zuletzt – vielen Engagierten noch mehr Elan verliehen. Sie hätte sie stolz und stärker gemacht. So eine wäre mir lieber gewesen:

„Der Friedensnobelpreis 2020 geht in diesem Jahr an zehn unterschiedliche Graswurzel-Organisationen, die sich dem Kampf für Bildung und gegen Hunger verschrieben haben. Das teilte das Nobelpreis-Komitee in Stockholm mit. Die Summe des Preisgeldes wird gesplittet und wird zu gleichen Teilen an die ausgezeichneten Organisationen in Afrika, Asien und Lateinamerika verteilt.“

– Das Nobelpreiskomitee –
Eine solche Meldung gab es leider wieder nicht.

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